Mehr als heisser Rauch
Ein Kunstprojekt im Testdurchlauf? Die Skulptur von Ester Alemayehu Hatle ist auch Gebrauchsgegenstand und Testobjekt.
Ein bisschen schief steht er da, der Ofen auf dem CAMPO-Gelände, und sieht dabei charmant aus. Einige Risse hat er auch. Doch der anpassungsfähige Hanfkalk, aus dem er gebaut wurde, steckt das locker weg. Zudem handelt es sich bei diesem Kunst- und Nutzobjekt um einen Prototyp.
Aus dem Versuch sollen möglichst viele Erkenntnisse für seinen zukünftigen Gebrauch gewonnen werden. Sein Nachfolger – das spätere und einzige Original – wird einst in Wülflingen stehen und die Siedlung an der Zypressenstrasse bereichern. Dort entstehen zurzeit 40 neue Wohnungen.
Das spätere und einzige Original des Ofens wird einst in Wülflingen stehen und die Siedlung an der Zypressenstrasse bereichern. Dort entstehen zurzeit 40 neue Wohnungen.

Das Projekt in Kürze
Die SKKG räumt der Kunst bei Neubauten und grösseren Renovationen einen prominenten Platz ein. Deshalb lud die Stiftung im Rahmen eines Kunst-und-Bau-Wettbewerbs Künstler:innen dazu ein, ihre Ideen einzureichen. Die Architektur für den Siedlungsbau an der Zypressenstrasse fokussiert stark auf Nachhaltigkeit, Recycling, Kreislaufwirtschaft und Klimaneutralität. Entsprechend richtete sich der Open Call an künstlerische Positionen, die sich mit diesen Themen befassen.

Der Vorschlag der Künstlerin Ester Alemayehu Hatle überzeugte auch wegen des ökologischen Materials einstimmig: Sie schlug fünf Interventionen in Form von amorphen Skulpturen aus Hanfkalk vor: Formlosen, weich konturierten Gebilden aus natürlichem Material, die nicht als autonome Werke gedacht sind, sondern als interaktive Elemente, die Spiel und Begegnung ermöglichen.
Die Skulpturen übernehmen eine neue Funktion – erinnern aber gleichzeitig an das frühere Leben in der Siedlung. So wird ein Waschbecken zur Trinkwasserquelle, ehemalige Fensterbänke markieren neue Orte des Verweilens im Aussenraum und der frühere Kaminstandort wird zum gemeinschaftlich nutzbaren Steinofen.
Der gemeinschaftlich nutzbare Steinofen ermöglicht Spiel und Begegnung.

Schon heute Gemeinschaft kreieren
Bei der offiziellen Prototyp-Einweihung im letzten Herbst an der Veranstaltungsreihe «CAMPO-Bar» stürmte und regnete es gewaltig. Die geplanten Ofenpizzen mussten notfallmässig im Steamer gebacken werden. Doch die gemeinsame Erinnerung an diesen Tag besteht fort, noch lange nach dem Verschwinden der Gewitterwolken.
Wenn erst der Frühling und später der Sommer Einzug halten und sich das Leben wieder vermehrt draussen abspielt, hat die Nachbarschaft um CAMPO hoffentlich noch oft Gelegenheit, den Ofen zu nutzen. Sei es, um Pizzen und Folienkartoffeln zu backen, Marroni zu rösten oder ihn im kalten Zustand als Sitzbank zu verwenden.
Was aus der Glut hervorgeht
Aus der bisherigen Nutzung haben sich wertvolle Erkenntnisse ergeben: Der Ofen braucht einige Stunden, bis er seine volle Hitze entfaltet und die kleine Öffnung setzt dem gleichzeitigen Zubereiten Grenzen. Gerade darin zeigt sich der Charakter des Ofens; er verlangt Zeit, Aufmerksamkeit und gemeinsames Tun.
Die Erkenntnisse weisen auch in die Zukunft. Das CAMPO-Team plant, den Ofen als selbstverständlichen Bestandteil des Alltags in die entstehende Aussenküche zu integrieren. So soll er nach und nach von der Nachbarschaft angeeignet, genutzt und belebt werden. Wie beim Backen gilt auch hier: Der Teig muss gehen – im Verlauf der gemeinsamen Nutzung kann sich das Projekt wirklich entfalten.
Ester Alemayehu HatleZuhause ist für mich nicht nur ein physischer Ort, sondern auch Geschichten und Erinnerungen, mit denen man sich über die Gegenwart hinaus verbinden kann.

© Nelly Rodriguez
Drei Fragen an Ester Alemayehu Hatle
Welche Emotionen verbindest du mit deinem eigenen Zuhause?
Da meine Eltern aus sehr unterschiedlichen Kulturen stammen, bin ich mit Geschichten aus Orten aufgewachsen, die mir fern waren. Ich entwickelte eine Verbindung zu diesen Orten. Zuhause ist für mich nicht nur ein physischer Ort, sondern auch Geschichten und Erinnerungen, mit denen man sich über die Gegenwart hinaus verbinden kann. Ich bin in den letzten Jahren oft umgezogen und mein Zuhause ist zu einem fortwährenden Bauprojekt geworden, das mir Komfort bieten soll. Wenn ich mich an einem Ort wohlfühle, kann ich ihn mein Zuhause nennen. Aber ohne ein Gefühl der Sehnsucht existiert er nie.
Welche Erfahrungen hast du beim Ofenbau – auch in Bezug auf das Material – gemacht?
Natürliche Materialien brauchen Zeit und man muss auf die richtigen Wetterbedingungen warten. Das erfordert Geduld und Flexibilität. Ich habe gelernt, dass man sich nicht nur auf eine gute Planung verlassen kann, sondern dass Dinge passieren, auf die man reagieren muss. Ich habe noch nie einen Steinofen gebaut. Also habe ich alles neu gelernt. Ich hoffe, dass ich eines Tages noch mehr bauen werde.
Wie könnte die Feuerstelle der Zukunft aussehen?
Gemeinschaftlich: ich stelle mir ein Wohnzimmer im Freien vor.